Aktuelles Forschungsvorhaben

Forschung & Lehre

Ledige badische Mütter in Basel – Nichtehelichkeit als Normalität im 19. Jahrhundert

Zu den auffälligsten demografischen Veränderungen im Europa des frühen 19. Jahrhunderts gehörte die wachsende Zahl von Kindern, die außerhalb der Ehe zur Welt kamen. Die Raten stiegen von 2 bis 4% auf zum Teil über 20% an, lokal sogar über 60%. Sie erreichten um die Jahrhundertmitte ihren Höhepunkt, um dann langsam abzufallen.

Während die strukturellen Ursachen hierfür hinreichend erforscht sind, steht eine sozial- und kulturgeschichtliche Betrachtung der „Unehelichkeit“ als Massenphänomen bislang aus. Das soll das Forschungsvorhaben leisten. Anstelle einer klassischen Strukturgeschichte rückt die Studie die Praktiken, Erfahrungen und Auswirkungen der „Illegitimität“ ins Zentrum.

Untersucht wird dies an einer Gruppe von rund 1.000 ledigen Frauen aus Baden, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Großherzogtum arbeitssuchend nach Basel übersiedelten, um sich dort – meist als Dienstmagd oder Fabrikarbeiterin – zu verdingen. Sie alle brachten in Basel ein nichteheliches Kind zur Welt. An ihrem Beispiel und für den Zeitraum von Ende der 1850er bis Mitte der 1870er Jahre wird der Mikrokosmos der städtischen „Unehelichkeit“ exemplarisch rekonstruiert und analysiert.

Folgende thematische Schwerpunkte zeichnen sich ab:

  • Die geografische und soziale Herkunft der Badenerinnen: Ländliche Sexualnormen und Muster nichtehelicher Familiengründung
  • Migration nach und Leben in Basel: Wanderungsbewegungen, Beschäftigungsfelder, Arbeits- und Lebensbedingungen
  • Heiratsmarkt, Männerbekanntschaften und nichtehelicher „Beyschlaf“
  • (Verheimlichte) Schwangerschaft und Niederkunft, „Kindsaussetzung“ und „Kindsmord“ in der Stadt
  • Gebären im Bürgerspital
  • „Kindsväter“ und Heiratsverhalten
  • Verbleib der nichtehelich geborenen Kinder

Das Forschungsvorhaben wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und am Historischen Seminar der Universität Freiburg durchgeführt. Die Monografie wird im Sommer 2022 vorliegen.